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Fig. 005-FR-14 (Lolita), Paris

Früher, als das Rauchen noch als unbedenklich galt und das Lesen als gefährlich, wurden Bücher manchmal mit Warnhinweisen bedruckt, wie man sie heute nur von Zigarettenpackungen kennt: Schwarze Schrift auf weißem Grund, serifenlos und fett geschnitten, unübersehbar, unmissverständlich. »Not to be imported into Great Britain or U.S.A.«, steht auf dem Umschlag der Erstausgabe des Romans Wendekreis des Krebses.

Der Autor Henry Miller war Amerikaner, lebte in Paris, schrieb auf Englisch – doch in seiner Heimat, den USA, war sein Roman verboten. Das Buch sei »obszön«, hieß es, und deshalb nicht durch die Meinungsfreiheit geschützt. Das war im Jahr 1934. Miller sollte nicht der einzige amerikanische Autor bleiben, der seine Bücher zunächst nur in Europa veröffentlichen konnte. Wollte man eine Landkarte der amerikanischen Literaturgeschichte zeichnen, wäre ein zentraler Eintrag Paris. Und zwar: Paris, Frankreich.

Henry Millers Wendekreis des Krebses, Vladimir Nabokovs Lolita und William S. Burroughs Naked Lunch – drei Bücher, die es ohne Paris vielleicht nie gegeben hätte – stehen heute regelmäßig auf den Listen der wichtigsten amerikanischen Romane. Das »Land of the Free, Home of the Brave« lag viele Jahre mitten in Europa. Zumindest, wenn es um freies Denken und furchtloses Schreiben geht.

Schon die Schriftsteller, deren Texte die Geburt der amerikanischen Demokratie begleitet haben, zog es nach Frankreich. Als Thomas Jefferson, der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, 1784 in den Staatsdienst ging, tat er das als Gesandter nach Paris. Wenig später folgte ihm Thomas Paine, der Philosoph und Propagandist der Demokratie. Rund hundert Jahre später kamen der Romancier Henry James und die Dichter Ezra Pound und T.S. Eliot. In der Zeit um den Ersten Weltkrieg waren es Gertrude Stein, Edith Wharton und Ernest Hemingway, dann Miller.

»In den Jahren der Hochkonjunktur, als es Dollars im Überfluß gab und der Wechselkurs gegenüber dem Franc hoch stand, erlebte Paris eine beispiellose Invasion von Künstlern, Schriftstellern, Studenten, Dilettanten, Touristen, Lüstlingen und bloßen Nichtstuern«, schreibt der britische Autor George Orwell über das »amerikanische Paris« der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Später sollte noch Susan Sontag kommen und sich hier – fern von ihrer Familie aber nah bei den großen Intellektuellen ihrer Zeit – auf dem Friedhof Montparnasse beerdigen lassen.

200 Jahre lang war Paris die Hauptstadt der »républic mondial des lettres«, der Weltgemeinschaft der Lesenden und Schreibenden, schreibt der Literaturwissenschaftler Pascale Casanova. Und natürlich: Die Stadt der Liebe.

»Was die Vielfalt an sexuellem Angebot betrifft, habe ich noch nie einen Ort wie Paris gesehen.« Das schreibt Henry Miller im Wendekreis des Krebses. »Sobald eine Frau einen Vorderzahn oder ein Bein verliert, geht sie auf den Strich. In Amerika würde sie verhungern, wenn sie keine andere Empfehlung aufzuweisen hätte als eine Verstümmelung. Hier ist das anders. Ein fehlender Zahn oder eine weggefressene Nase oder eine Gebärmuttersenkung, jedes Unglück, das die natürliche Schlichtheit des Weibes betont, scheint als weitere Würze, als Anreiz für die erschöpften Sinne des Männchens angesehen zu werden.«

Womöglich spricht Miller hier auch von sich selbst. Er findet in Paris nicht nur seinen Stoff, sondern auch seinen Verlag, die Obelisk Press. In Amerika würde man ihn wegen der Schönheitsfehler seiner Literatur verhungern lassen, wegen ihrer »natürlichen Schlichtheit«, die sie wie Straßensprache klingen lässt. Die europäischen Avantgardisten laben ihre erschöpften Sinne an Millers moderner Art zu schreiben. Mag sein, dass ihnen Millers Hang zur sprachlichen Derbheit als weitere Würze erscheint. Miller liebt das Wort »Fotze«.

»Der ordinäre Ton, in dem die Menschen in Wendekreis des Krebses sprechen, findet sich in Romanen nur selten, im gewöhnlichen Leben dagegen sehr oft«, schreibt George Orwell anerkennend. Solcher Realismus war in den Vereinigten Staaten (und in England) nicht gefragt.

Ein nach damaligem Verständnis obszönes Wort reichte amerikanischen Zollbeamten in der Nachkriegszeit, um Bücher und Zeitschriften zu beschlagnahmen. George Plimpton, der Redakteur der Literaturzeitschrift The Paris Review, wusste sich deshalb nicht anders zu helfen, als die Kurzgeschichten in seinen Heften in vorauseilendem Gehorsam selbst zu zensieren. Gegen den Willen des Autors änderte er einmal das Wort »Scheiße« in »Mist« und strich es dann sicherheitshalber ganz. Nur so, glaubte er, könne die in Paris erstellte Zeitschrift ihre Leser in den Vereinigten Staaten erreichen. Das war im Jahr 1953.

Zwei Jahre später erschien die Erstausgabe von Vladimir Nabokovs Lolita in Paris. Anders als Miller lebte Nabokov zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht in der Stadt. Er war erst vor der russischen Revolution nach Deutschland, dann vor den Nazis nach Amerika geflohen. Der Schriftsteller war dort willkommen – sein Roman nicht.

Mehrere amerikanische Verlage wollten den Roman nicht veröffentlichen und warnten den Autor vor den Konsequenzen. Das liegt nicht am Realismus seiner Ausdrucksweise: »Fotze«, »Scheiße«, »Mist«, solche Derbheiten sind bei dem Ästheten Nabokov nicht zu finden. Dennoch steht Lolita für eine moralische Verkommenheit, die Henry Millers Schwärmereien für Sex mit Einbeinigen noch übertrifft: Lolita wird erzählt aus der Sicht eines Mannes, der mit seiner minderjährigen Adoptivtocher schläft. Es sei das »wahrscheinlich skandalöseste Buch aller Zeiten«, schreibt der Kritiker Christopher Hitchens. Zugleich besteht wenig Zweifel daran, dass es einer der wichtigsten amerikanischen Romane des 20. Jahrhunderts ist.

Wieder war in Paris möglich, was in Amerika nicht ging: Maurice Girodas, der Sohn des Verlegers von Miller, nahm sich nach dem Tod seines Vaters dessen Lebenswerk an. Er setzte Obelisk Press als Olympia Press fort und publiziert neben pornografischer Literatur auch moderne und experimentelle englischsprachige Schriftsteller – wie Vladimir Nabokov oder William S. Burroughs. Dessen Roman Naked Lunch ist inkohärent und brutal, schmutzig und schillernd, ein Meisterwerk der Postmoderne. Auch dieses Buch durfte in Amerika nicht erscheinen, nur in Paris.

Gekippt wurde das Verbot »obszöner« Literatur in Amerika erst 1964 durch eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs – abermals ging es dabei um Henry Millers Roman Wendekreis des Krebses, den ein mutiger Verleger inzwischen auch in den Vereinigten Staaten herausgebracht hatte. Es war ein Sieg für die Freiheit und für die Kunst, doch es besiegelte den Niedergang von Paris als Außenposten der amerikanischen Avantgarde. Nun wurde New York das publizistische Zentrum der englischsprachigen Welt.

Im selben Jahr veröffentlichte das Gesundheitsministerium der USA seinen Bericht über die schädlichen Folgen des Rauchens. Bald darauf wurden die Warnhinweise auf Zigarettenpackungen eingeführt.

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[1] Die zweibändige Originalausgabe von Vladimir Nabokovs Lolita (Olympia Press, 1955) wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Antiquarin Cornelia Branscheidt aus Oberursel.

[2] Henry Millers Wendekreis des Krebses, Vladimir Nabokovs Lolita und William S. Burroughs Naked Lunch sind zudem lieferbar in aktuellen Ausgaben – originalsprachig gibt es sie bei Penguin bzw. bei Harper Perennial, in deutscher Übersetzung bei Rowohlt. Die in diesem Text verwendeten Zitate aus Wendekreis des Krebses stammen aus der deutschen Übersetzung von Kurt Wagenseil, erstmals erschienen 1953 bei Rowohlt.

[3] Henry Miller nannte die Zeit in Paris eine der schönsten seines Lebens (fast im selben Atemzug schwärmte er von der Würde der französischen Prostituierten). Nachzuhören ist das auf der Schallplatte Henry Miller Recalls and Reflects (Riverside, 1957) sowie online bei UbuWeb.

[4] Bei Penguin ist eine Sammlung von George Orwells Essays erschienen, in der auch »Inside the Whale« abgedruckt ist, ein Aufsatz über seinen Zeitgenossen Henry Miller. Die hier verwendeten Zitate sind der deutschen Übersetzung von Felix Gasbarra entnommen, die 1975 unter dem Titel Im Innern des Wals bei Diogenes erschienen ist. Orwells Erinnerungen an seine Jahre in Paris, Down and Out in Paris and London, sind ebenfalls bei Penguin erhältlich.

[4] Die Selbstzensur der Paris Review gesteht der Redakteur George Plimpton in seinem Vorwort zu Red-Dirt Marijuana, einer Sammlung der Kurzgeschichten von Terry Southern (Citadel Press, 1990).

[5] In dem Essay »As American as Apple Pie« einer kurzen Kulturgeschichte des Blowjobs, schreibt Christopher Hitchens über Miller und Nabokov, bei denen vor allen anderen amerikanischen Autoren vom Oralsex zu lesen gewesen sei: »that was France for you«. Veröffentlicht wurde Hitchens Text zuerst in der Zeitschrift Vanity Fair (Juli 2006) sowie online. (Eigene Übersetzung.)

[6] Eine Übersetzung des Briefwechsels zwischen Henry Miller und seinem Anwalt Elmer Gertz während der amerikanischen Prozesse um Wendekreis des Krebses in den Jahren 1962 bis 1964 ist 1980 bei Knaus erschienen, unter dem Titel Die Literatur und das Obszöne.