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Fig. 007-EE-14/15 (Nelken), Tallinn

Die Blumen machen ihn traurig, sagt Tanek. Es ist noch früh am Morgen und Tanek ist allein mit den Blumen. Nur manchmal kommt einer, der es gestern nicht geschafft hat und legt neue ab: einzelne, oder zum Strauß gebundene – aber immer Nelken und immer rote. Zehntausende müssen es inzwischen sein, oder hunderttausende. Ein riesiger Berg aus Blüten. Obwohl es am Abend geregnet hat und das Wasser die Nelken niederdrückt, reicht der Blütenberg Tanek fast bis an die Brust. Er ist kein kleiner Mann.

Er war schon auf dem Nachhauseweg, sagt Tanek, aber er wusste ja, welches Datum ist, deshalb schaute er noch mal vorbei. Macht er jedes Jahr, sagt er. Die offene Flasche hält er in der linken Hand, die glühende Kippe in der rechten, einmal rutscht sie ihm aus den Fingern und fällt in den Matsch, er hebt sie auf und führt sie wieder in den Mund.

Er habe extra eine neue Schachtel gekauft, sagt er. Eigentlich wollte er aufhören mit dem Rauchen, aber jetzt braucht er einen Grund, noch ein bisschen hierzubleiben, braucht ein, zwei Zigarettenlängen Zeit, da zustehen und auf den Blütenberg zu schauen, der zu Füßen des bronzenen Sowjetsoldaten liegt. Tanek steht vor dem Kriegerdenkmal seiner Feinde und raucht.

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Heute ist Samstag, der 10. Mai 2014. Tanek ist Este, das hat er gesagt, noch bevor er sich mit Namen vorstellte. Er betont das, weil es ist nicht selbstverständlich ist, dass man Esten trifft. Hier, am Rande der Altstadt von Tallinn. Hier, auf dem alten Militärfriedhof. Hier, vor den Füßen des Bronzesoldaten, den manche Aljoscha nennen und an dem die Russen jedes Jahr den 9. Mai feiern, den »Tag des Sieges«. Einem Tag, an dem sie Blumen ablegen für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs. Für ihre Gefallenen.

»Wäre ich gestern gekommen«, sagt Tanek, »hätten sie mich vielleicht verprügelt.« Gestern war Volksfest. Da waren hier alte Männer mit Orden an der Brust und junge Frauen mit Kinderwagen. Es herrschte Gedränge vor dem Bronzesoldaten, alle wollten dort Nelken ablegen. Ungefähr da, wo jetzt Tanek steht, spielte eine Frau Akkordeon, um sie herum bildeten sich spontane Soldatenchöre. Neben ihr schwenkte einer die rote Fahne der Sowjetunion und ein anderer die rot-weiß-blaue Nationalfahne Russlands. Jugendliche marschierten in Uniformen der Roten Armee. Mit Hammer und Sichel auf ihren Gürtelkoppeln spielten sie Wachablösung. Sie salutierten einander mit ernstem Blick, vielleicht so wie es einst die Rotarmisten getan haben, die keiner vor ihnen mehr selbst miterlebt hat.

»Wenn sie Kommunisten sind«, sagt Tanek plötzlich, »dann bin ich gerne Faschist.« Er sagt das mit dem Trotz eines Betrunkenen: »Ja, wenn sie Kommunisten sind, bin ich sehr gerne ein Faschist!« Wer weiß, was von dem Bekenntnis übrig bleibt, wenn erst der Alkohol zu wirken aufhört, doch jetzt gilt es. Die Kommunisten kommen und legen rote Nelken ab. Der Faschist raucht die letzte Zigarette im Morgengrauen.

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Die Kommunisten haben gegen die Faschisten gekämpft, so war das im Zweiten Weltkrieg. Die Kommunisten haben gesiegt. Als Deutscher muss man sagen: zum Glück. Als Este ist man da wohl zögerlicher. Denn die Sowjetunion hat nicht nur Deutschland besiegt und besetzt, sondern auch Estland. Der russische »Tag des Sieges«, der einen Tag nach dem deutschen »Tag der Befreiung« gefeiert wird, ist für die Esten ein Tag der Niederlage und der Unterdrückung.

Jahrhunderte lang gehörte Estland mal eher zu Deutschland, mal zu Russland. Als das alte Russland, das Zarenreich, zerbrach, erklärte Estland sich unabhängig. In den zwanziger und dreißiger Jahren war Estland demokratisch. Dann verbündeten sich Faschisten und Kommunisten, Deutsche und Russen, und unterschrieben den Hitler-Stalin-Pakt. Die Faschisten evakuierten noch schnell die deutsche Minderheit im Baltikum, danach ließen sie die Kommunisten machen. Die russische Besetzung Estlands begann an dem Tag, als Deutsche in Paris einmarschierten: am 14. Juni 1940.

Auf Befehl von Josef Stalin begann der Terror. Zehntausende Esten wurden verschleppt, darunter Politiker, Juristen, Wissenschaftler und Künstler. Andere flohen. Der estnische Historiker Rein Helme schreibt: »Ziel des sowjetischen Terrors war, die führenden Köpfe der Gesellschaften zu vernichten und die verbliebene Bevölkerung dadurch hörig zu machen.«

Der Hitler-Stalin-Pakt hielt gerade mal zwei Jahre. Dann marschierten die Faschisten in den Ländern ein, die sie eben noch den Kommunisten versprochen hatten, auch in Estland. Manche Esten hielten das für eine Befreiung und halfen den Deutschen bei ihrem Terror, bei der Ermordung von Juden, Roma und Linken. Doch die Rote Armee kam wieder, die Faschisten flohen und die Kommunisten besetzten Estland ein zweites Mal.

Zwischen 1939 und 1950 verschwand jeder vierte Este – durch Deportation, Flucht, Tod. Die kommunistischen Besatzer zerstörten estnische Bücher und Denkmäler. Sie errichteten neue Denkmäler, wie den Bronzesoldaten, den sie mitten in die estnische Hauptstadt stellten. Sie nannten ihn »Denkmal der Befreier Tallinns«. Jedes Jahr am 9. Mai legten sie zu seinen Füßen Nelken ab.

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Anfang der neunziger Jahre wurde Estland wieder frei. Als das alte Russland zerbrach, das dieses Mal die Sowjetunion war, erklärte Estland sich unabhängig. Die Esten haben daraufhin keine russischen Bücher vernichtet und die russischen Denkmäler nicht zerstört. Sie haben auch die Russen nicht vertrieben, die in der Zeit der sowjetischen Besatzung in Estland angesiedelt worden sind.

Im freien Estland leben Menschen mit zwei verschiedenen Sprachen und zwei verschiedenen Selbstverständnissen. Als der estnische Zensus die Bewohner des Landes nach ihrer Nationalität fragte, sagten rund 900.000 Menschen, sie seien Esten. Mehr als 300.000 nannten sich Russen. Manche der Russen haben den estnischen Pass, andere sind staatenlos, aber ihre Zugehörigkeit ist für viele keine Frage der Staatsangehörigkeit. Wer ihnen mit Korrektheiten kommt, wird korrigiert. »Übrigens«, schreibt ein Vertreter der Russen in einer E-Mail, »wir sind nicht die russischsprachige Minderheit, als die Sie uns bezeichnet haben. Wir sind was wir sind – russisch in Sprache und Kultur, eine nationale Minderheit in Estland.«

Die Russen und Esten teilen eine Geschichte, doch sie gehen sehr unterschiedlich damit um. Im Mai 2007 entschied die estnische Regierung, den Bronzesoldaten in der Innenstadt abzubauen und ihn an den Rand des Stadtkerns zu bringen, auf den Soldatenfriedhof, auf dem er heute noch steht. Daraufhin gab es tagelange Ausschreitungen in der Stadt. Aus Russland kam es zu Hackerangriffen auf die technische Infrastruktur Estlands. Russische Händler hörten auf, den Hafen Tallinns anzusteuern. Die Russen verteidigten ihren Soldaten.

Historiker reden von »kollektiven Gedächtnissen« und von »Erinnerungsorten«. In Estland ist zeigt sich, dass diese Themen keine rein akademischen sind. Der Standort des sowjetischen Bronzesoldaten ist ein umkämpfter Ort. Er erinnert die Esten an etwas anderes als die Russen. Die kollektiven Gedächtnisse widersprechen sich. Der 9. Mai ist in Estland beides: Ein Tag der Befreiung und ein Tag der Unterdrückung. Ein Tag der Demut und ein Tag des Zorns.

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Tanek steht vor dem Denkmal, er will etwas beweisen. Jedes Mal, wenn einer vorbeikommt und Nelken ablegt, geht Tanek auf ihn zu, begrüßt ihn und gibt ihm die Hand. Er spricht Russisch, eine Sprache, die Esten während der Besetzung lernen mussten. Tanek fragt alle, die Blumen ablegen, ob sie Estnisch können. »Njet«, sagt der erste. »Njet«, sagt der zweite. »Njet«, sagt das Paar, das als drittes kommt. Das Paar zählt nicht, denn sie sind Touristen, aber Tanek ist trotzdem zufrieden mit seinem Beweis: Die Russen sind zwar in Estland, aber sie sprechen kein Estnisch.

Die Frage ist nur, was das bedeutet. Dass die Russen noch immer eine Besatzungmacht sind? Dass sie hier nicht leben dürften? Viele Russen sind hier geboren, so wie Tanek.

In Russland sagen sie, dass in der Ukraine »Faschisten« regieren. Dort gibt es ausländische Soldaten, die durchs Land marschieren und Teile davon besetzen. Es gibt Bürger, die Lenin-Statuen bewachen, die sie gegen die »Faschisten« verteidigen wollen. Wüsste man es nicht besser, könnte man denken: Der alte Konflikt ist zurück. Auch in Estland, wo jetzt Kampfjets der Nato die Grenzen gegen die Russen sichern.

Es ist ganz hell geworden, Tanek muss nach Hause. Seine Frau wird aufwachen und sein Sohn. Der ist jetzt zehn, sagt Tanek, er wird bald ein Mann werden. »Ich versuche ihn zu einem guten Esten zu erziehen«, sagt Tanek. Und dann, kurz vor dem Abschied: »Mein Gott, wie er die Russen hasst.«

Weiterlesen

[1] Den Hinweis auf den Bronzesoldaten verdanken wir Claus Leggewies Buch Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt. Erschienen ist es 2011 bei C.H. Beck.

[2] Die Passagen zur Geschichte Estlands basieren wesentlich auf dem Buch Das Ende des Sowjetkolonialismus. Der baltische Weg (Rowohlt, 1991) vor allem auf den darin enthaltenen Aufsätzen von Andrejs Urdze sowie dem hier zitierten Text von Rein Helme. Außerdem auf Mark Marzowers Buch Der dunkle Kontinent. Europa im 20. Jahrhundert (Alexander Fest Verlag, 2000) und Heinrich August Winklers Geschichte des Westens: Vom Kalten Krieg zum Mauerfall (C.H. Beck, 2014).

[3] Fotos davon, wie der hier etwas einsam wirkende Nelkenstrauß zu Füßen des Bronzesoldaten zusammen mit den tausenden anderen aussieht, haben wir in unserem Blog veröffentlicht.

[4] Wir haben während der Recherche für diesen Text in Tallinn mehrere Tage bei Russen gewohnt, mit ihnen gegessen und diskutiert. Trotzdem kommen sie hier nicht zu Wort – abgesehen von dem Zitat aus der E-Mail von einem dieser Russen. Ich habe mich nach der zufälligen Begegnung mit Tanek und nach der Rückkehr aus Estland entschieden, stärker von Tanek (und damit von einer estnischen Sichtweise) auszugehen. Wir danken unseren russischen Gastgebern und Gesprächspartnern, die uns die Situation in Estland besser zu verstehen halfen. Besonderer Dank gilt Oleg Matvejev vom Verein »Russische Schule in Estland«. Er hat uns gezeigt, dass die Zukunft von Russen und Esten in Tallinn nicht ohne Hoffnung ist.