Wie wir Paletten-Nerds wurden (na ja, fast)

von Oskar Piegsa

Europalette vor Kifferladen in Wien (im September 2013)

Das erste unserer Dinge Europas sollte ein Witz sein. So stellten wir uns das zumindest vor – und irrten uns dabei. Es war im Frühjahr 2013, Claudius und ich hatten uns in groben Zügen unser Konzept überlegt, aber noch keine konkreten Schritte, als ich einer Kollegin von unserer Idee erzählte. Viel anfangen konnte sie damit nicht. „Die Dinge Europas“, sagte sie. „Meint ihr Europaletten, oder was?“

Äh, Europaletten? Ich fand die Reaktion zuerst ernüchternd – und dann genial. Von Anfang an begleitete uns der Zweifel, ob unser Vorhaben nicht so größenwahnsinnig sei, dass wir damit scheitern würden. Europa erzählen? Was qualifizierte uns dazu? Damals war klar: Entweder unser Projekt wird sang- und klanglos absaufen. Oder wir können uns darauf gefasst machen, dass wir bald solche Fragen beantworten müssen.

Während wir selbst noch nicht wussten, ob dieses Projekt funktioniert, fürchtete ich, dass Kritiker unsere Arbeit in Stücke reißen würde, ohne uns vorher eine Chance zur Verteidigung zu geben. Die Lösung lag auf der Hand: Wir mussten mit etwas ganz Profanem anfangen. Mit einem Ding, das so naheliegend ist, dass es fast dämlich wirkt. Das würde unseren Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen und gleichzeitig allen anderen ein Zeichen sein: „Hey, wir wissen auch nicht, ob das hier klappt, seht ihr!“ Wir wollten uns feige hinter der Palette verstecken. Wir hatten die Palette unterschätzt.

Palettentreppe – backstage beim Appletree Garden Festival in Diepholz (Juli 2013)

Palettentreppe in Diepholz (Juli 2013)

Einigermaßen unvorbereitet gingen wir Mitte April in unseren ersten Termin mit Daniel Stadach, dem Vertriebschef einer Hamburger Palettenfirma. Nach dem Gespräch kamen wir seltsam euphorisiert nach Hause. Abends saßen wir mit Freunden zusammen, die bald genervt von uns waren. Denn wir dozierten über die Vorzüge von Pressspan- gegenüber Vollholzklötzen im Palettenbau, erzählten von den düsteren Machenschaften der Palettenfälscher und hielten Vorträge darüber, warum die Cyborgisierung der Europalette durch RFID-Chips zwar ein guter Gedanke war, in der praktischen Umsetzung aber scheitern würde. Stadach hatte uns angesteckt. Wir waren zu Paletten-Nerds geworden.

Die nächsten Tage verbrachte Claudius damit, durch die Häfen von Hamburg und Antwerpen zu tigern und nach Palettenmotiven zu suchen. Mit den Satellitenbildern von Google Maps zoomte er sich an Sägewerke und Umschlagplätze heran. Ich begann Bücher über Supply-Chain-Management zu lesen und notierte mir fett den Neujahrsempfang der Hamburger Logistiker im Kalender. So lange hielt die Euphorie dann doch nicht.

Der anfängliche Rausch verflog, nicht aber die Überzeugung, dass die Palette ein gutes Ding für unsere Dinge Europas war: Als allgemein anerkannte Norm ist sie ein früher Erfolg des europäischen Einigungsprozesses. Sie zeigt, dass das europäische Zusammenwachsen ein ziemlich technischer Vorgang ist – und vermutlich auch stärker ökonomisch motiviert ist, als wir uns das bisher vorgestellt hatten. Zugleich steht die Palette für die Grenzen Europas. Schließlich wurde sie von der Globalisierug überholt – wie vielleicht auch das europäische Modell von Demokratie und Wohlfahrtsstaatlichkeit?

Das war für mich die erste Lektionen der Dinge Europas: Wir können uns überraschen lassen. Wenn wir uns darauf einlassen, werden wir Dinge finden, von denen wir jetzt noch nichts ahnen. Auch kleine Dinge können große Geschichten haben. Das Große spiegelt sich im Kleinen, hieß es ja schon bei Freundeskreis, und das Abstrakte wird sichtbar im Konkreten. Seit wir die Paletten zum ersten Mal mit offenen Augen sahen, mache ich mit meinem Handy manchmal Schnappschüsse von den Dingern. Ich finde sie ziemlich schön. Hier geht es zum Eintrag über die Europalette.

Nachwuchsband auf Palettenbühne, Seewärts Festival Chieming (Juli 2013)

Band auf Palettenbühne, Seewärts Festival in Chieming (Juli 2013)

Europaletten in einer Druckerei in Wittingen (im Januar 2014)

Europaletten in einer Druckerei in Wittingen (im Januar 2014)

Kommentare:

  1. Caro

    Wunderhübsche Dinger, diese Paletten!

  2. Olaf

    Als Möbelbasis grad gern gesehen…

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